Medizin 2.0

Interview mit Dr. Olaf Müller, CCS-Geschäftsführer

„Um praktische Anwendungen der Telemedizin schneller vorantreiben zu können, benötigen wir mutigere, engagierte Kostenträger“ Interview mit Dr. Olaf Müller, Geschäftsführer des Carus Consiliums Sachsen

Ein Jahr nach Abschluss des von der Europäischen Union geförderten Pilotprojekts „CCS Telehealth Ostsachsen“ berichtet CCS-Geschäftsführer Dr. Olaf Müller, wie sich das ambitionierte Vorhaben weiterentwickelt hat und welchen Herausforderungen sich die Telemedizin stellen muss.

Wo steht das CCS-Telehealth-Projekt heute? Das lässt sich am besten anhand eines einzelnen Vorhabens erklären: Unter dem Dach des EU-Projekts betreut das ostsächsische Schlaganfall-Nachsorgeprojekt „SOS-Care“ inzwischen 3.000 Patienten nach ihrem Krankenhausaufenthalt. Darin eingebunden sind vier Case-Manager, die eng mit dem Universitätsklinikum Dresden beziehungsweise zwei regionalen Krankenhäusern zusammenarbeiten. Im Mittelpunkt unserer, die Case-Manager unterstützenden Aktivitäten steht die neu entwickelte elektronische Fallakte, die den unterschiedlichsten Partnern aus Krankenhäusern, Hochschulambulanzen oder Praxen eine gemeinsame Patientenbetreuung ermöglicht. Das Besondere daran ist, dass sie dank einer hochvariablen Eingabemaske nicht an eine bestimmte Erkrankung gebunden ist. Das gibt es bundesweit so noch nicht. Ein Hemmschuh der Telemedizin ist der Datenschutz, wie ist es damit im CCS-Telehealth-Projekt bestellt? Neben der Handhabung der elektronischen Fallakte ist natürlich deren sichere Übertragung ein wichtiges Thema für die Datenschützer. Die dafür von T-Systems entwickelte Lösung hat viele Skeptiker überzeugt. Diese Infrastruktur zu etablieren, war mit einem erheblichen Aufwand verbunden. Dazu gab es zahlreiche Gespräche mit Datenschützern auf Landes- und Bundesebene. Besonders hohe Anforderungen kamen aber von T-Systems selbst. Das Ergebnis sagt nun auch Praktikern zu. Wir haben bereits zahlreiche Anfragen von Projekten bekommen, die im Zuge des Aufbaus neuer Netzwerke auf die in Dresden entwickelte Plattform zurückgreifen möchten. Wie geht es mit der Infrastruktur und der universell einsetzbaren Fallakte weiter? Da beide Elemente dank der EU-Fördermittel entwickelt wurden, steht einer breiten Anwendung auch außerhalb Sachsens nichts im Wege. Ideal wäre eine Vollvernetzung aller Akteure im Gesundheitswesen – vom Patienten-Tablet-PC über die Praxiscomputer bis zum Patienteninformationssystem eines Krankenhauses. Und warum geht es trotzdem so schleppend voran? Um praktische Anwendungen der Telemedizin schneller vorantreiben zu können, benötigen wir einen gesetzlichen Rahmen. Wie das funktionieren kann, zeigt Österreich, wo die elektronische Krankenakte zur Pflicht wurde. Auf diese Weise entsteht für die Akteure im Gesundheitswesen ein entsprechender zeitlicher Druck, eine solche Akte flächendeckend zu etablieren. Solange dies nicht der Fall ist, fehlt auch eine sichere Finanzierungsquelle, um Infrastruktur und Fallakte weiterzuentwickeln. Die Kosten für die aktuellen Projekte tragen die beteiligten sächsischen Krankenhäuser, ohne dass dies durch die Kassen refinanziert wird. Hier muss sich etwas ändern, damit die aktuelle Dynamik der Projekte erhalten bleibt.

 

 

Dr. Olaf Müller