Sicherheit und Hygiene

Sicherheit durch Nähe
zum klinischen Alltag

Interview mit Hedwig François-Kettner, Aktionsbündnis Patientensicherheit

„Der Verantwortung liegt oft in der Organisation“

Warum braucht es ein „Aktionsbündnis Patientensicherheit“?

Fehler lassen sich trotz größter Sorgfalt nie ausschließen. Die entscheidende Frage ist, wie wir damit umgehen. Die meisten Fehler entstehen aus einer Verkettung von Ursachen und Umständen. Das Aktionsbündnis fordert ein neues Sicherheitsverständnis. Wir suchen keine Schuldigen, sondern Lösungen: Wir wechseln sozusagen von der Frosch- in die Vogelperspektive.

Experten fordern seit Jahren einen offeneren Umgang mit kritischen Ereignissen in Krankenhäusern. Was hat sich getan?

Oft neigt man dazu, jemanden zu suchen, der im Schadensfall haftbar gemacht werden kann. Dabei liegt die Verantwortung oft in der Organisation: Verwechslungen entstehen oft aus Arbeitsüberlastung. Bei Übergaben werden mitunter wichtige Informationen nicht weitergegeben. Normalerweise verhindern Sicherheitsbarrieren, dass daraus eine Gefahr für Patienten wird, aber diese sind manchmal lückenhaft. Kommt es zu einer kritischen Situation, sollten alle Beteiligten gemeinsam die Ursachen analysieren und Verbesserungen initiieren.

In Kliniken klappt die Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen nicht immer reibungslos, wie ist das bei Ihnen?

Bei uns engagieren sich viele Professionen auf Augenhöhe und das funktioniert sehr gut! Wer hier mitarbeitet, hat verstanden, dass die Expertise aller im Gesamtprozess gefragt ist. Die gute Zusammenarbeit steckt an, 2013 haben wir fast 100 neue Mitglieder gewonnen.

In der Öffentlichkeit bekannt geworden ist das Bündnis vor allem mit der Aktion „Saubere Hände“ ...

2008 haben wir damit gestartet und haben viel erreicht: Zu Beginn war die Compliance in den beteiligten Häusern bei 40 Prozent, heute sind es ca. 60 Prozent. Das heißt, die Hygienemaßnahmen werden im Alltag viel besser umgesetzt. Das lässt sich sogar am Verbrauch von Händedesinfektionsmitteln messen. Ziel ist es, 80 Prozent Compliance zu erreichen. Darum werden wir die Aktion weiter unterstützen, auch wenn die Förderung durch den Bund ausgelaufen ist.

Welche Rolle spielen die Universitätsklinika hierbei?

Patientensicherheit gehört in jedes Curriculum, im Medizinstudium ebenso wie in den Pflegeberufen und allen anderen medizinischen Ausbildungen. Als Orte der Lehre leisten Universitätsklinika einen wichtigen Beitrag, damit Standards im Klinik- und Praxisalltag ankommen. Allerdings sind für die Lehrplaninhalte die Bundesländer zuständig. Hamburg hat als erstes Land Patientensicherheit und Sicherheitsstandards verbindlich in den Curricula der Gesundheitsberufe integriert.

Sollte die Pflege an Universitäten ein stärkeres Gewicht erhalten?

Ja. In der Akademisierung der Pflegeberufe sehe ich ein großes Zukunftspotenzial: Solche Studiengänge sind bisher selten an den Universitätsklinika. Sie können übergreifende Themen wie Hygiene, Sicherheit, Ethik und Patientenrechte gemeinsam mit angehenden Medizinern und Pflegeexperten behandeln.

Wo sind Universitätsklinika im Blick auf mehr Patientensicherheit Vorbilder?

Mit Modellprojekten und im Rahmen von Forschungsarbeiten bringen sie wichtige Entwicklungen auf den Weg, und sie sind in den Fachgesellschaften stark engagiert, die Expertenstandards und Leitlinien mitentwickeln.

Das Aktionsbündnis engagiert sich auch selbst für mehr Forschung ...

Wir haben den deutschlandweit ersten Lehrstuhl für Patientensicherheit an der Universität Bonn initiiert und die ersten fünf Jahre finanziert. Die seit dem Juni 2014 berufene Prof. Tanja Manser wird die laufenden Projekte, wie den deutschen Beitrag zum High-5s-Projekt, fortführen und neue Studien initiieren. Darüber hinaus sind neue Drittmittelprojekte in Planung, die auch die Kommunikation noch stärker in den Fokus rücken.

Hedwig François-Kettner

Hedwig François-Kettner