IT im Gesundheitswesen

Intelligente Vernetzung
hilft heilen

Schlaganfall-Netze

Expertenrat aus der Ferne

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Bei der Schlaganfall-Versorgung ist es im Umland vieler Universitätsklinika längst Realität, für viele andere Notfälle aber noch Zukunftsmusik: Wenn jemand in seinem Wohnzimmer plötzlich zusammenbricht, nicht mehr sprechen kann und halbseitig gelähmt ist, kann er heute rechtzeitig die optimale Therapie erhalten. Und zwar unabhängig davon, ob er in einer Kleinstadt fernab der nächsten großen neurologischen Klinik wohnt oder in der Nähe eines Klinikums mit Maximalversorgungsauftrag. Dafür sind die Notfallaufnahmen vieler Krankenhäuser in der Fläche über ein IT-Netzwerk mit den Spezialabteilungen am nächstgelegenen Universitätsklinikum verbunden.

Denn beim Schlaganfall zählt jede Viertelstunde. Sind die hirnversorgenden Blutgefäße durch ein Gerinnsel verstopft, wird möglichst rasch eine Thrombolyse (auch „Lysetherapie“ genannt) eingeleitet, um die Blutbahn wieder freizubekommen. Große Gerinnsel in der Halsschlagader können darüber hinaus auch durch einen Katheter entfernt werden.

Die Crux dabei: Eine Hirnblutung löst die gleichen Symptome aus wie die Mangeldurchblutung infolge eines Gerinnsels, nur wäre in diesem Fall eine Thrombolyse lebensbedrohlich. Darum darf die Schlaganfall-Therapie grundsätzlich erst nach umfassender MRT- bzw. CT-Diagnostik sowie weiteren Laboruntersuchungen starten. Diese Technik steht heute in vielen Krankenhäusern zur Verfügung.

Jeder Schlaganfall-Patient wird darum auf kürzestem Weg in das nächste geeignete Haus eingeliefert. Für die anspruchsvolle Auswertung der Bilder und Daten ziehen die behandelnden Ärzte aber via Datennetz einen ausgewiesenen Experten am Schlaganfallzentrum des kooperierenden Universitätsklinikums hinzu: Hier sind erfahrene Spezialisten rund um die Uhr verfügbar. Binnen kürzester Zeit erhalten die behandelnden Ärzte anhand der Diagnose konkrete Therapieempfehlungen.

Dieses Netzwerk hilft überlange Transportwege zu vermeiden, und das verfügbare Zeitfenster bis zum Therapiebeginn wird besser genutzt: Eine Lysetherapie, die innerhalb von drei Stunden nach dem Schlaganfall einsetzt, erhöht die Chancen der Patienten, ohne bleibende Beeinträchtigungen zu überleben, um 75 Prozent gegenüber jenen, die keine Lysetherapie erhalten. Beginnt die Lyse 3 bis 4,5 Stunden nach dem Hirninfarkt, werden noch 26 Prozent der Betroffenen zusätzlich wieder komplett gesund. Diesen Zeiteffekt konnten Mediziner des Universitätsklinikums Heidelberg jüngst in einer Metastudie nachweisen, indem sie verschiedene Schlaganfall-Studien miteinander verglichen.

Als neue Therapie bei Schlaganfall haben führende Zentren weltweit zudem die sogenannte Thrombektomie etabliert: Dabei wird das Blutgerinnsel, das die hirnversorgenden Blutgefäße verstopft, mit einem Draht entfernt. Am Universitätsklinikum Essen wurden im Jahr 2014 bereits 400 derartige Eingriffe vorgenommen. Der Essener Schlaganfallverbund ist für diese neue Behandlungsmethode zertifiziert. Stellt sich bei einem Patienten in einem der beteiligten Krankenhäuser während der Diagnostik heraus, dass die Thrombektomie seine Heilungschancen maßgeblich verbessert, wird er sofort in das Universitätsklinikum verlegt.