VUDialoge

Großer Beitrag
der Hochschulmedizin

Die Deutschen Uniklinika im Gespräch

Interviews mit Meinungsbildnern aus dem Gesundheitswesen

17. Februar 2017 VUDialoge

Der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil spricht im Interview mit VUDialoge über die Ursachen der finanziellen Schieflage vieler Uniklinika und den von Niedersachsen initiierten Entschließungsantrag des Bundesrates.

2. Mai 2016 VUDialoge

Professor Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung, lobt im Interview mit dem VUD die Hochschulmedizin für ihre Leistungsfähigkeit.

Welche Bedeutung haben für Sie die 33 deutschen Uniklinika und ihre 180.000 Mitarbeiter für das deutsche Gesundheitssystem und den Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort Deutschland?

Die Universitätsklinika - und damit sind alle Beschäftigten dort gemeint – sind für das  deutsche Gesundheitssystem für Forschung und Wissenschaft im medizinischen  Bereich ganz, ganz entscheidend. Zum einen werden dort die Ärztinnen und Ärzte  der Zukunft ausgebildet, zum anderen sind es die Einrichtungen an denen Forschung  geschieht, aber auch Translation. Das heißt, dass sehr schnell, das was man dort  erarbeitet, möglichst schnell am Krankenbett zu finden ist und die Patienten in den  Genuss der Forschungsergebnisse kommen. Das ist am besten möglich im Bereich  der universitären Medizin.

Mit dem Förderkonzept Medizininformatik stellen Sie in den nächsten fünf Jahren 100 Millionen Euro bereit, um die IT-Infrastruktur im Gesundheitswesen zu verbessern. Welche konkreten Ziele verfolgen Sie mit dieser Förderung, und welche Rolle spielen dabei die Uniklinika?

Ich glaube, dass dieses Programm ganz entscheidend sein wird für die Digitalisierung im Gesundheitswesen. Wir möchten gerne, dass jeder Patient – egal ob der jetzt beim Hausarzt ist oder beim Facharzt oder in irgendeiner Klinik - dass er davon profitieren kann, was seine Versorgung und seine Diagnosen betrifft und deswegen wollen wir IT-Strukturen im Gesundheitsbereich erproben, aufbauen, anschieben – was natürlich am ehesten im Bereich der universitären Medizin oder überhaupt dort möglich ist, weil wir dort die Forschungsdaten und die klinischen Daten der einzelnen Patienten haben. Dort können Konzepte, wie man das verbinden kann, wie man eine bessere Versorgung erreichen kann, zuallererst entwickelt werden. Deswegen sind wir in diesem Programm mit einer beträchtlichen Summe, in dessen Mittelpunkt die Universitätskliniken stehen.

Im Jahr 2015 wurden in Deutschland fast 3 Prozent des Bruttoinlandproduktes – rund 80 Milliarden Euro – für Forschung und Entwicklung ausgegeben. Ist gute Forschung im Wesentlichen eine Frage des Geldes? Geben wir das Geld für die richtigen Dinge aus?

Geld ist natürlich für Forschung unwahrscheinlich wichtig. Wir haben jetzt diese fast drei Prozent, diese 88 Milliarden in diesem Jahr – übrigens ist das der Höchststand. So viel haben wir noch nie für Forschung und Entwicklung ausgegeben. Darauf kann man stolz sein, vor allem weil es kontinuierlich, Jahr für Jahr gesteigert wurde seit 2005. Aber genau so wichtig wie Geld und Summen ist die Philosophie, die dahinter stehen muss. Wofür gibt man das Geld aus? Macht man alle fünf Minuten neue Schwerpunkte oder konzentriert man sich? Wir haben im Rahmen der Bundesregierung die High-Tech-Strategie. Das ist eine Strategie, wo es eine Konzentration gibt auf sechs große Themenbereiche, die für die Entwicklung dieses Landes wichtig sind in den nächsten Jahrzehnten.  Dazu gehört der Bereich der Gesundheit, das Thema Energie und Klima, aber auch das Thema Zukunft der Arbeit. Dadurch, dass die Wissenschaftler auch wissen: Das sind Themen die in den nächsten Jahren immer wieder gefördert werden, wo es Mittel gibt, wo verschiedene Schwerpunktsetzungen eingefügt werden können. Das ist, glaube ich, genauso wichtig, wie die Summen, die zur Verfügung stehen. Und wenn es um neue Ideen geht im Bereich der Gesundheit, ist ja die Idee, Zentren zu etablieren, wo es um die Erforschung der großen Volkskrankheiten geht. Das heißt: Die so genannten deutschen Zentren für Gesundheitsforschung, die wir eben für die Erkrankungen wie Infektionen, Diabetes, Herz und Anderes eingerichtet haben. Das war, glaube ich, ein ganz, ganz wichtiger Schritt, weil wir damit in Deutschland etwas schaffen, was es nach Meinung der Experten, in anderen Ländern nicht gibt, nämlich das unterschiedliche, teilweise auch konkurrierende Institutionen, zu einem Themenbereich so konzentriert zusammen arbeiten. Oder auch die Schwerpunkte, die wir in unserer Forschungsförderung setzen. Dass wir sagen, das Thema individualisierte, personifizierte Medizin, das ist ein Thema der nächsten Jahrzehnte und dort sowohl Grundlagenforschung als auch den Versuch, das anwendungsorientiert zu machen, fördern.

Wie schaffen wir eine Willkommenskultur für Spitzenforscherinnen und Forscher/Mediziner aus aller Welt, und wie halten wir Nobelpreisträger und solche die es noch werden wollen in Deutschland?

Die Attraktivität des gesamten Systems lebt von verschiedenen Faktoren. Wir haben eine Situation gehabt, vielleicht noch Anfang dieses Jahrtausends, wo sehr viele junge Leute weggegangen sind und wir Vorwürfe bekommen haben. Jetzt sind wir in der Situation, dass wir sehr viele haben, zum Beispiel auch aus Kanada, USA und anderen Regionen der Welt, die Interesse daran haben, auch wieder zurückzukommen. Ich glaube, da hat sich etwas gedreht. Wir versuchen die Bedingungen für die Wissenschaftler zu verbessern, wenn sie zurückkommen. Ich kämpfe gerade für ein 10-Year-Track-Programm – wir haben eine Milliarde dafür reserviert – um zu erreichen, dass Forscher – Spitzenforscher, die zu uns kommen oder die zurückkommen, die Möglichkeit haben, frühzeitiger als das bisher in Deutschland möglich ist, also schon sehr jung eine Professur zu erhalten und mehr Professuren zu haben, die unbefristet sind. Das sind Rahmenbedingungen, die strahlen aus. Wir haben auch spezielle Instrumente – wie die Alexander von Humboldt-Professur. Damit ziehen wir Spitzenforscher nach Deutschland für fünf oder mehr Jahre. Bei den Veranstaltungen, wo wir sie willkommen heißen, habe ich immer wieder gehört, dass die Forscher aus aller Welt sagen, dass ihnen imponiert, dass in Deutschland im Forschungsbereich in den letzten zehn Jahren eine Kontinuität, eine Verlässlichkeit war. Das heißt, die Summe gingen nicht hoch und runter, sondern Jahr für Jahr bei den außeruniversitären Forschungseinrichtungen kam jedes Jahr ein bestimmter Prozentsatz dazu. Das ist etwas, was fremden Wissenschaftlern signalisiert, hier gibt es eine Schwerpunktsetzung, hier sind wir willkommen. Das ist einer der Gründe dafür, dass es uns gelungen ist, auch Spitzenforscher in den letzten Jahren in das Land hineinzuziehen. Wobei man sagen muss, gerade im Bereich der Gesundheitsforschung – Life Science – sind natürlich USA und Kanada weiterhin große und attraktive Regionen, das muss man einfach auch anerkennen. Und dass wir jetzt mit Herrn Zuhausen und Herrn Hell zwei Nobelpreisträger haben, ist natürlich etwas, was uns sehr freut und signalisiert: Es gibt Bedingungen in Deutschland, die sind für Wissenschaftler in der obersten Kategorie attraktiv.

Welche Möglichkeiten wird die neue Bund-Länder-Initiative bieten, um die klinische Forschung zu stärken?

Die Bund-Länder-Initiative im Zusammenhang mit der Exzellenzinitiative heißt natürlich Spitzenforschung auch im medizinischen Bereich besondere Bedingungen zu ermöglichen, sehr viel komfortablere Bedingungen, um sie zu stärken. Die Exzellenzinitiative ist ein Instrument, was sich bewährt hat. Es hat Effekte hervorgebracht, die hätten wir nicht erreicht, wenn wir dieselbe Summe mit der Gießkanne übers Land gestreut hätten. Jetzt kommt es darauf an, die Mittel, die zur Verfügung stehen, geschickt und klug einzusetzen, um diese positive Entwicklung, Profilierung auch im medizinischen Bereich, Schwerpunkte die wir haben, auch in der Translation und anderen Themenbereichen, weiter auszubauen. Wichtig ist, dass es nicht immer nur eine Förderphase gibt, sondern, dass es auch längere Verlässlichkeit gibt und dafür engagiere ich mich.

Welche Hausaufgaben muss die deutsche Hochschulmedizin am dringendsten erledigen, um wettbewerbsfähig zu bleiben?

Die deutsche Hochschulmedizin ist sehr leistungsstark. Aber das Thema „Medizinstudium“, Veränderungen, notwendige Veränderungen – wie können wir klinische Forschung in dem Bereich besonders befördern. Da muss sich die Politik drum kümmern, aber es ist auch wichtig, dass die universitäre Medizin, dies als eine Schwerpunktsetzung sieht. Das man auch überlegt: Wie kann man in der Ausbildung erreichen, dass wir das Problem, das vor uns steht, dass wir gerade in ländlichen Regionen unter Umständen Schwierigkeiten haben, dort die entsprechende Versorgung mit Ärzten sicherzustellen? Aber – und das habe ich schon häufiger gesagt bei der Universitätsmedizin - man muss natürlich auch eine Vision haben. Also nicht nur eine Klagemauer: Wir möchten mehr. Sondern auch eine Vorstellung: Wie kann das gehen? Wie kann das funktionieren? Um dann auch Gehör zu finden, in den politischen Verteilungskämpfen. Das wünsche ich mir von der universitären Medizin.

Welche Themen, welche die Hochschulmedizin betreffen, stehen 2016 auf Ihrer politischen Agenda?

Wir haben in den Koalitionsverhandlungen festgelegt „Masterplan Medizinstudium“. Das wollen wir in diesem Jahr abschließen und wir sind da in einer sehr intensiven Diskussion. Aber wir beschäftigen uns auch mit der Untersuchung: Wie haben sich die Zentren für Gesundheitsforschung bewährt? Das ist ein Themenbereich, der uns in diesem Jahr außerordentlich interessiert. Wir haben im Interesse der universitären Medizin, natürlich auch durch die Veränderung des Grundgesetzes, auch die Möglichkeit, die universitäre Medizin auf Augenhöhe dort mit den Außeruniversitären Kooperationen eingehen kann. Was ganz wichtig ist, was auch neu ist und was wir vorher so noch nicht hatten. Ich glaube aber, dass es ganz wichtig ist, dass die Medizin selbst schlagkräftig ist, im politischen Dialogprozess ihre berechtigten Anforderungen auch so zu platzieren, dass man die benötigten Mittel in den politischen Verteilungskämpfen erhält. Da ist für mich der direkte Kontakt auch zu universitären Medizin wichtig.

Wie sind Ihre persönlichen Erfahrungen mit der Hochschulmedizin?

Ich bin relativ gesund. Das heißt, ich war noch nie – außer bei den Entbindungen – im Krankenhaus. Ich hatte einmal die Möglichkeit die Hochschulmedizin zu nutzen – als ich meinen Kopf nicht richtig drehen konnte. Was nichts mit Innerem zu tun hatte, sondern mit der Wirbelsäule. Das war eine sehr gute und eine sehr effektive Behandlung, die ich da genießen konnte.

11. Februar 2016 VUDialoge

Professor Dr. Lothar H. Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts, spricht im Interview mit dem VUD über Schwerpunkte und Herausforderungen seiner Arbeit sowie die Rolle der Hochschulmedizin.

Vor knapp einem Jahr haben Sie die Leitung des Robert Koch-Institutes übernommen: Wo lagen die Schwerpunkte in den vergangenen Monaten?

Die Schwerpunkte lagen in mehreren Bereichen. In den ersten Wochen und Monaten war natürlich die Ebola-Epidemie, die sich jetzt dem Ende neigt, sehr aktuell.

Dann hatten wir den Masernausbruch, der insbesondere in Berlin zu einer Vielzahl von Fällen geführt hat. Der Masernausbruch hat außerdem dazu geführt, dass wir uns sehr mit dem Thema Impfen befasst haben. Das ist ein immer wiederkehrendes Thema und wir als Präventionsmediziner sind natürlich sehr große Freunde von Impfungen. Wenn es zu solchen Ausbrüchen kommt, ist das Thema immer wieder sehr gut zu adressieren und man kann anbringen, wie wichtig Impfungen sind.

Ein weiteres Thema, dass uns beschäftigt - auch wenn es von der Öffentlichkeit vielleicht gar nicht so stark wahrgenommen wird, sind zwei größere Initiativen, die wir zusammen mit anderen Partner-Institutionen gestartet haben. Das eine ist eine nationale Diabetes-Surveillance, wo wir erstmals versuchen in Deutschland verschiedene Stakeholder aus dem Bereich zusammenzubringen, um eine kontinuierliche und gute Datenbasis zu generieren. Die Daten sorgen dafür, dass wir wirklich bewerten können, ob Maßnahmen, die wir empfehlen wollen und die durchgesetzt werden auch dazu führen, dass Diabetes reduziert wird. Wir haben 4,7 Millionen Menschen, die Diabetiker sind in Deutschland. Es handelt sich also um eine echte Volkskrankheit.

Etwas, dass uns auch beschäftigt hat, ist die nationale Verzehrstudie. Dabei handelt es sich um eine Studie, mit der wir das Verzehrverhalten der Deutschen auch langfristig sehr gut dokumentieren wollen. Bei dieser Studie, die wir auf den Weg gebracht haben, arbeiten wir mit dem Max Rubner-Institut zusammen.

Das Thema, das zurzeit die größte Aufmerksamkeit hat und seit Mitte des letzten Jahres sehr von Belang war, ist natürlich die Situation der Gesundheit von Asylsuchenden.

Wenn Sie ganz alleine entscheiden könnten: Was würden Sie tun, um die Herausforderungen durch Flüchtlinge für unser Gesundheitssystem zu bewältigen?

Das ist eine nette Frage, aber eine sehr komplexe Angelegenheit. Aus Sicht eines Menschen, der für die Gesundheit der Flüchtlinge sehr viel Wohlwollen hat und dessen Job es ja ist, dass wir in Deutschland möglichst wenig kranke Menschen haben, ist das Allerwichtigste, dass wir den Tatsachen ins Auge sehen. Wir brauchen Zahlen. Denn das Motto des Robert Koch-Institutes ist: Von Daten zu Taten. Das ist ein sehr banales Thema, aber das bringt es auf den Punkt. Wir müssen wissen, wie viele Asylsuchende wirklich registriert werden und wir müssen natürlich Informationen darüber haben, welche Krankheiten diese Asylsuchenden haben und welchen Behandlungen sie unterzogen werden müssen. Das heißt: Das Erste wäre, dass man die Registrierung beschleunigt. Dass man IT stärker einbaut, dass man Daten hat, um auswerten zu können, welche Maßnahmen wir den Asylsuchenden wirklich zukommen lassen.

Welche Rolle spielt ein öffentlicher Gesundheitsdienst für diese Aufgabe?

Der öffentliche Gesundheitsdienst ist eine maßgebende Einrichtung. Ich denke, in den letzten Jahren – und da stimmen mir wahrscheinlich sehr viele zu – ist am öffentlichen Gesundheitsdienst stark gespart worden. Es gibt zu wenige Ärzte, insbesondere in den Gesundheitsämtern. Das sind die Menschen, die die Arbeit leisten müssen. Die Situation mit den Asylsuchenden zeigt, wie stark am öffentlichen Gesundheitsdienst gespart worden ist und dass wir deutlich zu wenig Ressourcen haben. Ich hoffe, dass die sichtbare Wichtigkeit des öffentlichen Gesundheitsdienstes dazu führen wird, dass dort personell aufgestockt wird, weil die Gesundheitsdienste im Rahmen der Asylsuchenden-Problematik eine ganz wichtige Rolle einnehmen.

Welche Rolle sollte aus Ihrer Sicht die Hochschulmedizin für den Auf- und Ausbau des öffentlichen Gesundheitsdienstes spielen?

Die Hochschulmedizin ist der Ort der Forschung. Forschung und Ausbildung ist die Domäne der Universitäten. Und die Universitäten müssen, um dieses Leistungsvermögen auch halten zu können, entsprechend finanziell ausgestattet sein. Das muss so bleiben. Denn je nachdem in welchem Bundesland wir uns bewegen, gibt es Unterschiede. Die Hochschulmedizin ist für uns ein ganz vitaler Partner. Wir haben viele Projekte wo wir tagtäglich mit der Hochschulmedizin und mit den Hochschulklinika zusammenarbeiten. In allen Bereichen. Sowohl im Bereich der Infektionsprophylaxe, wo wir viele gemeinsame Datenerfassungssysteme mit Universitäten zusammen entwickelt haben. Beispiele hierfür sind Antibiotikaverbrauchsstatistiken, Resistenzstatistiken bei Infektionen, die auf bestimmten Stationen in Krankenhäusern registriert werden und woraus wir Maßnahmen ableiten.

Auch bei den großen Volkskrankheiten wie Diabetes, Fettleibigkeit und Krebs arbeiten wir viel mit Kollegen der Hochschulmedizin zusammen. Es gibt hier eigentlich keine Schwerpunkte. Das betrifft alle unsere Bereiche, in denen wir arbeiten.

Welche Bedeutung haben die Uniklinika bei der Bekämpfung von Krankenhausinfektionen und Antibiotika-Resistenzen?

Es gibt einige gesetzliche Veränderungen, die natürlich auch mit Input des Robert Koch-Institutes verfasst wurden. Wir haben kontinuierlich und erfolgreich versucht, dass die finanzielle Ausstattung in den Bereichen steigt, insbesondere im Bereich der Hygiene. Die Hochschulmedizin hat eine ganz entscheidende Funktion in der Fort- und Weiterbildung. Wir haben insgesamt zu wenig Hygieniker, zu wenig Infektiologen. Hier arbeiten wir natürlich eng mit den Verbänden, den Fachgesellschaften und der Hochschulmedizin zusammen. Wir haben am Robert Koch-Institut auch einige Kommissionen und Gremien, deren Geschäftsstelle hier ist und mit denen wir Empfehlungen erarbeiten. Es ist klar, dass die Hochschulmedizin vorangehen muss, wenn es um die Implementierung dieser Maßnahmen geht – insbesondere in der Fort- und Weiterbildung, aber eben auch in der Forschung. Das ist der entscheidende Punkt. Die Universitäten müssen immer stark genug sein und stark finanziert sein, um wirklich valide, gute Grundlagenforschung machen zu können.

Wie schätzen Sie die Rolle der Hochschulmedizin bei der Versorgung plötzlich auftretender schwerer Infektionserkrankungen ein?

Hier sehen wir, dass insgesamt die Ausbildung im Bereich der Infektionskrankheiten verbessert werden muss. Das sehen wir schon seit vielen Jahren. Die Aufmerksamkeit ist gewachsen in den letzten Jahren. Solche Anstrengung wie zum Beispiel das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung geben natürlich den Infektionskrankheiten mehr Sichtbarkeit, aber das ist nicht genug. Es müssten noch mehr Ressourcen da hinein gehen. Die Hochschulmedizin spielt auch beim deutschen Kompetenzzentrum für hochkontagiöse Krankheiten mit neun Standorten, zu deren Mehrzahl universitäre Klinika gehören, eine wichtige Rolle. Auch hier muss die Hochschulmedizin vorangehen und leistungsstark genug sein, weil es sich hier um besondere Umstände handelt, für die sie eine besondere Ausbildung brauchen. Hier kann nicht jeder Arzt eine Intervention leiten. Die Ärzte sind extra ausgebildet. Das sind Fachleute, die auch mit den mentalen Problematiken umgehen. Es gibt viele Kolleginnen und Kollegen und Menschen in Deutschland, die einfach Sorge haben vor den großen Infektionskrankheiten. Da gehört viel mehr als nur eine klinische Versorgung dazu, sondern auch viel Psychologie.

Tut Deutschland genug für den Aufbau eines IT-basierten vernetzten Gesundheitswesens?

Das wir genug tun, ist sehr wichtig, aber ich sehe eigentlich nicht, dass genug getan wird. Wir reden in Deutschland und der Welt von Industrie 4.0 und wir wissen natürlich, dass der Datenaustausch und eine Vernetzung von Daten sehr wichtig sind. Zum Beispiel beim Thema Polypharmazie. Also der Tatsache, dass Patienten sehr viele Medikamente nehmen, die auf den Gesundheitskarten aber überhaupt nicht abgebildet sind und den Ärzten eine Therapie erschwert. Manchmal weiß ein Patient überhaupt nicht, welche Medikamente er nimmt, obwohl man das mit einer transparenten Datenlage sehr einfach darstellen könnte.

Außerdem gibt es sogenannte Clinical Support Systems, die komplexe Fälle und komplexe Diagnosen zur Unterstützung des Arztes durch Algorithmen auf eine gute Basis stellen.

Reden sollten wir auch über die Informationsflüsse, wenn es um Infektionskrankheiten und um das Meldewesen geht. Wir haben am Robert Koch-Institut zwei Softwares entwickelt, mit deren Hilfe wir theoretisch sehr rasch alle möglichen Daten nutzen, Untersuchungen durchführen und Empfehlungen aussprechen könnten. Dort ist noch viel zu tun und wir wären froh, wenn wir im Gesundheitswesen bereits IT 2.0 hätten.

Wo steht der Forschungsstandort Deutschland, wenn es um das Thema „Gesundheitsforschung“ geht?

Da hat sich in den letzten Jahren einiges getan. Es gibt ja die Initiative der deutschen Gesundheitszentren, die vom BMBF maßgeblich gefördert wurde. Das hätte man sicher noch strategisch besser absprechen, besser planen können. Doch Deutschland ist ein föderaler Staat. Dadurch gibt es sehr viele einzelne Interessen. Es ist sehr schwer, das alles gut zu koordinieren. Aber insgesamt sehe ich Deutschland auf einem guten Weg. Auch wenn ich bei der Finanzierung der Uniklinika noch Handlungsbedarf sehe.

Wie sind ihre persönlichen Erfahrungen mit der Hochschulmedizin?

Da hab ich zum Glück noch relativ wenig Erfahrung. Noch bin ich meistens gesund geblieben. Insofern habe ich sehr wenig persönliche Erfahrung in diesem Bereich gemacht. Meine Erlebnisse sind sehr singulär, in einzelnen Kliniken mit einzelnen Ärzten, aber ich kann sagen: Die deutschen Ärzte sind im Schnitt sehr gut ausgebildet, aber sie brauchen mehr Zeit für die Patienten.  

07. Juli 2015 Evonik-Chef Dr. Klaus Engel

Spitzenmedizin sichert Arbeitsplätze und Wohlstand in Deutschland mit Dr. Klaus Engel, Evonik Industries

Rund zwei Jahre haben Sie sich als Aufsichtsrat des Uniklinikums in Essen engagiert. Welche Bilanz können Sie heute ziehen?

Die Arbeit im Aufsichtsrat der Uniklinik Essen war in jeder Hinsicht interessant und spannend.  Durch die tiefen Einblicke auch hinter die Kulissen weiß ich heute die Arbeit die in den Universitätskliniken geleistet wird noch mehr zu schätzen. Neben der medizinischen Versorgung wird hier Spitzenforschung geleistet, der ärztliche Nachwuchs ausgebildet und es werden medizinische Innovationen hervorgebracht, die weltweit Impulse im Gesundheitswesen setzen. Dies alles bei einer Rund-um-die-Uhr-Versorgung und unter hoher Belastung des gesamten Personals – und hierfür möchte ich allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Patientenversorgung und Wissenschaft herzlich danken.

Rund zwei Jahre haben Sie sich als Aufsichtsrat des Uniklinikums in Essen engagiert. Welche Bilanz können Sie heute ziehen?

Die Arbeit im Aufsichtsrat der Uniklinik Essen war in jeder Hinsicht interessant und spannend.  Durch die tiefen Einblicke auch hinter die Kulissen weiß ich heute die Arbeit die in den Universitätskliniken geleistet wird noch mehr zu schätzen. Neben der medizinischen Versorgung wird hier Spitzenforschung geleistet, der ärztliche Nachwuchs ausgebildet und es werden medizinische Innovationen hervorgebracht, die weltweit Impulse im Gesundheitswesen setzen. Dies alles bei einer Rund-um-die-Uhr-Versorgung und unter hoher Belastung des gesamten Personals – und hierfür möchte ich allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Patientenversorgung und Wissenschaft herzlich danken.

Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, den Aufsichtsrat der Essener Uniklinik zu unterstützen?

Entsprechend der Satzung beruft das Universitätsklinikum Essen in Abstimmung mit dem Ministerium für Innovation, Wissenschaft und Forschung, den Aufsichtsrat des Uniklinikums unter anderem so genannte unabhängige, wirtschaftliche Sachverständige. Ich halte dies grundsätzlich für eine kluge Idee und bin der Einladung persönlich gerne gefolgt, weil ich neugierig auf die Aufgabe war und sie auch als einen wichtigen Teil meiner gesellschaftlichen Verantwortung verstanden habe.

Welche Bedeutung haben die Uniklinika für den Industriestandort Deutschland?

Für ein Hochtechnologie- und Industrieland wie Deutschland ist auch ein Spitzenplatz in der Medizin zur dauerhaften Sicherung von Technologieführerschaft, Arbeitsplätzen und somit des Wohlstandes der Gesellschaft unerlässlich. Neben der Ausbildung des hochqualifizierten Nachwuchses an den Universitäten in den Geistes- und Sozialwissenschaften und MINT-Fächern werden an den Unikliniken über 97.000 Menschen in der Human- und Zahnmedizin ausgebildet. Zudem schafft die Medizin durch Forschung und Innovation auch neue Arbeitsplätze und erfüllt so nicht nur einen gesundheitspolitischen, sondern auch einen gesellschaftlichen Auftrag.

Wo liegen die Hauptunterschiede der beiden Welten „Konzern“ und „Uniklinik“?

Evonik als global führendes Spezialchemieunternehmen mit weltweit 33.000 Mitarbeitern operiert sicherlich auf der Basis eines anderen Geschäftsmodells als eine Uniklinik. Profitables Wachstum, Steigerung der Effizienz und werteorientiertes Handeln sind die Elemente unserer Strategie zur nachhaltigen Steigerung des Unternehmenswertes. Dabei erwirtschaften wir rund 80 Prozent unseres Umsatzes aus führenden Marktpositionen, die wir auch konsequent weiter ausbauen. Wir konzentrieren uns vor allem auf wachstumsstarke Mega-Trends – das sind Gesundheit, Ernährung, Ressourcen-Effizienz und die Urbanisierung.

Ein Uniklinikum erwirtschaftet seinen Umsatz über von Kassen bezahlte Fallpauschalen, die Kliniken sind belastet durch Kostensteigerung  für Personal; Medikamente, medizinische Einrichtungen, aber auch zunehmend Energiekosten. Die von den Kassen gezahlten Leistungsentgelte halten aber mit dieser Kostenentwicklung nicht Schritt. Aus der wachsenden Diskrepanz aus der Leistungserwartung an ein Universitätsklinikum seitens der verschiedenen Stakeholder einerseits und einer chronischen Unterfinanzierung andererseits, resultiert eine große Herausforderung an unser Gesundheitssystem insgesamt.

Hatten Sie das Gefühl, dass Ihre Perspektive aus der freien Wirtschaft im Aufsichtsrat gefragt war?

Durchaus. Neben den Beratungen über die medizinische Versorgung und der Forschung im engeren Sinne, sind gerade heute zunehmend auch wirtschaftliche Aspekte bei Investitionen oder auch die effiziente Nutzung der vorhandenen meist knappen finanziellen Ressourcen in den Mittelpunkt des Klinikmanagements gerückt. Hierzu ist externe Wirtschaftsexpertise und Erfahrung in der Tat gefragt und auch willkommen.

Zwei Drittel der hochschulmedizinischen Standorte in Deutschland erwarten ein Minus. Die übrigen rechnen mit einer Verschlechterung ihrer wirtschaftlichen Lage. Ist das ein Management-Problem? Oder liegt es an den Rahmenbedingungen im Gesundheitssystem?

Ein grundsätzliches Managementproblem würde ich den Universitätskliniken nicht per se unterstellen. Ähnlich wie in einem Wirtschaftsunternehmen sind auch im Vorstand einer Klinik die wichtigen Fachfunktionen wie Finanzen, Controlling und Personal vertreten. Die Rahmenbedingungen im Gesundheitssystem müssen sicher nachjustiert werden. Den steigenden Kosten für Personal und Medizin steht keine Anpassung der Leistungsentgelte durch die Kassen gegenüber. Auch das Leistungsspektrum das gerade die Universitätskliniken über die Versorgung normaler Krankenhäuser hinaus erbringen, wird nicht entsprechend honoriert und vergütet. Vielmehr entstehen durch die Rund-um-die-Uhr-Notfallversorgung und die hohe Spezialisierung in den Fachkliniken hohe Vorhalte- und Organisationskosten. Der von den Universitätskliniken übernommene, durchaus komplexe und teilweise mit systemimmanenten Interessenskonflikten belastete Aufgabenverbund aus Lehre, Forschung und Krankenversorgung ist grundsätzlich kostenintensiv und muss entsprechend gewürdigt werden.

Wenn Sie ganz alleine entscheiden dürften, was wären die drei Dinge, die Sie sofort verändern würden, um die Lage der deutschen Uniklinika zu verbessern?


Wir alle wollen medizinische Spitzenforschung in Deutschland. Um diese nachhaltig zu gewährleisten, sollten auch die öffentlichen Mittel und Zuschüsse wieder steigen. Seit 2006 sind diese inflationsbereinigt aber gesunken. Drittmittelforschung ist anderseits wichtig, um international im Wettbewerb um die besten Innovationen und Forscher bestehen zu können.

Auch die Rahmenbedingungen für Innovationszentren um neue Untersuchungs- und Behandlungsmethoden schnell wissenschaftlich überprüfen zu können, sollten verbessert und entbürokratisiert werden. Im Gegensatz zu Krankenhäusern werden in Universitätskliniken oft Patienten mit komplexen und schweren Erkrankungen behandelt. Die Patienten bleiben länger in der Klinik, Diagnostik und Therapie sind deutlich aufwendiger. Die Behandlungskosten sind oft höher als die Erlöse aus den Krankenversicherungen und können nicht ausgeglichen werden. Hier sollte die spezielle Situation durch den Anteil an besonders aufwendigen und teuren Behandlungen angemessen vergütet werden. Hier denke ich insbesondere auch an unterprivilegierte Gruppen wie etwa die kleinen Patienten in den Kinderkliniken.

Alles in allem stellt unsere heute hochwertige medizinische Versorgung, die Patienten aus der ganzen Welt nach Deutschland bringt, eine wesentliche Säule unseres gesellschaftlichen Wohlstandes dar. Damit dies auch in Zukunft so bleibt, müssen sowohl der Bund als auch die Länder und Krankenkassen ihren Anteil an der Finanzierung eines attraktiven und angemessenen Gesundheitssystems und damit auch insbesondere der Universitätskliniken leisten.

Wie sehen Ihre persönlichen Erfahrungen mit der Hochschulmedizin - zum Beispiel als Patient oder Angehöriger von Patienten - aus?

Meine persönlichen Erfahrungen sind durchweg gut. Geprägt von Kompetenz, Vertrauen und hoher persönlicher Einsatzbereitschaft. Wenn ich im Ausland unterwegs bin, bestätigt man mir oft die hohe Qualität unserer Universitätskliniken. Sie sind damit auch zu einem wichtigen positiven Standortfaktor gerade hier in Nordrhein-Westfalen geworden.

Was ist die größere Herausforderung – die 33 Deutschen Uniklinika in der Spitze zu halten oder den BVB?

Die deutschen Unikliniken stehen national und international für herausragende Leistungen in der medizinischen Forschung. Die mehr als 180.000 Mitarbeiter leisten eine hervorragende Arbeit und gewährleisten eine erstklassige Gesundheitsversorgung.
Damit haben sie den Spitzenplatz verdient und es liegt hier auch an der Politik geeignete Rahmenbedingungen für den Erhalt dieser Spitzenstellung zu sichern.

Beim BVB haben die tollen sportlichen Erfolge der gesamten Ära von Jürgen Klopp sowie die kluge Geschäftsführung des Vereins, die Basis dafür gelegt, dass Borussia Dortmund heute nicht nur wirtschaftlich gut dasteht, sondern auch höchste Sympathiewerte genießt. Sportlich betrachtet verlief die letzte Saison eher nach dem Motto nur der Mittelmäßige ist stets in Hochform, aber ich bin auch sicher, in der kommenden Saison wird der neue Trainer Tuchel wieder mit vollem Elan auf Angriff setzen.

28. Januar 2015 Neue Interviewreihe VUDialoge

Thomas Oppermann, Fraktionsvorsitzender der SPD im Deutschen Bundestag, über die Zukunft der Hochschulmedizin und Lösungen für die Finanzierungsprobleme

VUDialoge: Welche Bedeutung haben die 33 deutschen Uniklinika für die Gesundheitsversorgung in Deutschland

Oppermann: Die 33 Universitätskliniken in Deutschland sind Exzellenzzentren. Sie sind zuständig für Forschung, Lehre und Krankenversorgung. Ganz besonders hervorheben will ich, dass sie Einrichtungen der Maximalversorgung sind. Sie behandeln die schwerstkranken Patienten, sie sind diejenigen, die die Seltenen Krankheiten behandeln können - und das Andere, was hervorzuheben ist: Unsere  Hochschulkliniken bewältigen die gesamte Ärzteausbildung und bilden darüber hinaus auch die Pflegerinnen und Pfleger aus. Das sind zentrale Aufgaben für das Gesundheitssystem in Deutschland.

VUDialoge: Wie kann die Finanzierungssituation der hochschulmedizinischen Standorte verbessert werden

Oppermann: Ich glaube nicht, dass es eine einzige Ursache für diese Entwicklung gibt. Aber es gibt ganz offensichtlich Finanzierungsprobleme bei den Hochschulklinika, deshalb begrüße ich auch, dass die Bund-Länder-Arbeitsgruppe für die Krankenhausreform jetzt den Vorschlag entwickelt hat, dass insbesondere die Hochschulambulanzen angemessen vergütet werden müssen. Das ist derzeit nicht annähernd der Fall. Es ist vorgesehen, dass die Hochschulambulanzen in einem ersten Schritt mit 265 Millionen Euro vergütet werden sollen, das unterstützen wir und das wird jetzt auch auf den Weg gebracht.

VUDialoge: Welches sind die Hauptaktionsfelder, wenn es um das Thema Zukunftssicherung der Hochschulmedizin geht?

Oppermann: Ich glaube, die Zukunftssicherung muss darin bestehen, dass unsere Hochschulkliniken in erster Linie auf allen Feldern weiter nach Exzellenz streben, nach bestmöglicher Krankenversorgung, aber auch nach exzellenter Forschung und sehr guter Ausbildung. Das geht nur durch eine ausreichende Finanzierung. Wir wollen in Zukunft durch Zuschläge Leistungen besser vergüten. Qualitätszuschläge, Zuschläge für Zentrenbildung und für weitere besondere Leistungen der Hochschulen.

VUDialoge: Welche Bedeutung hat die Universitätsmedizin Göttingen für Wirtschaft und Arbeitsplätze in Ihrem Wahlkreis?

Oppermann: Die UMG Göttingen ist mit Abstand der wichtigste Arbeitgeber – 7600 Menschen sind dort beschäftig. Und es ist natürlich für die Region von unschätzbarer Bedeutung, dass dort die medizinischen Dienstleistungen vorgehalten werden können. Es findet eine Wertschöpfung von 700 Millionen Euro durch die Einrichtung statt. Die UMG ist ein enormer Wirtschaftsfaktor für die ganze Region.

VUDialoge: Wie hält man Nobelpreisträger in Deutschland – und wie schaffen wir die Voraussetzungen für Spitzenforschung von morgen?

Oppermann: Wir haben Stefan Hell in Göttingen gehalten. Er hatte verlockende Angebote von anderen Hochschulen in Deutschland, vor allem auch von der Harvard University in den USA. Er ist in Deutschland geblieben, weil er hier ähnlich exzellente Bedingungen vorgefunden hat. Im Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie. Dazu kommt eine Stadt, in der eine Familie sich wohlfühlen kann. Man muss auch in Zukunft sehr darauf achten, dass Spitzenforscher ein gutes Gesamtangebot in Deutschland haben.

VUDialoge: Wie sieht die perfekte Balance zwischen Bund und Ländern bei der Hochschulfinanzierung aus

Oppermann: Die Grundfinanzierung der Hochschulen muss natürlich weiter bei den Ländern bleiben. Aber mit der Grundgesetzänderung haben wir jetzt neue Gestaltungsmöglichkeiten. Wir können vor allen Dingen dort wo auch Spitzenforschung in Zukunft geleistet werden muss, den Hochschulen besser unter die Arme greifen. Das haben wir ja jetzt schon getan durch die Einrichtung der Programmkostenpauschale bei der DFG-Forschungsförderung, aber auch bei der Forschungsförderung durch das Bundesministerium. Und wir haben in Zukunft die Möglichkeit, zum Beispiel, die Arbeitsbedingungen für den wissenschaftlichen Nachwuchs, für den Mittelbau an den Hochschulen nachhaltig zu verbessern. Das können wir dann nicht nur an einzelnen Hochschulen, sondern flächendeckend in ganz Deutschland.

VUDialoge: Die Bund-Länder-AG hat einzelne Verbesserungen für Universitätsklinika erarbeitet. Reicht das oder brauchen wir einen Systemzuschlag, der die besonderen Leistungen der Hochschulmedizin würdigt?

Oppermann: Ich glaube, da sind ja die Gesundheitspolitiker und die Wissenschaftspolitiker in einem engen Dialog. Und der bisherige Konsens ist: Es muss jetzt erst mal versucht werden, die spezifischen, die besonderen Leistungen der Hochschulmedizin auch angemessen zu vergüten. Wenn das am Ende nicht funktioniert, dann müssen wir noch einmal über den Systemzuschlag reden. Der Systemzuschlag ist sicherlich einfach und unbürokratisch, aber auch eine sehr pauschale Vergütungsform. Also: Erst einmal spezifische Leistungen vergüten - und wenn das nicht funktioniert, kann man immer noch über den Systemzuschlag reden.

VUDialoge: Wenn Sie ganz alleine entscheiden dürften, was wären die drei Dinge im Feld der Hochschulmedizin, die Sie sofort verändern würden?

Oppermann: Ich würde auf jeden Fall die IT-Struktur in der Hochschulmedizin verändern, ich glaube die ist völlig veraltet und nicht auf die modernen Bedürfnisse der Telemedizin ausgerichtet. 

Ich würde Zweitens versuchen, die Ärzte und Pfleger von ihrem Dauerstress zu entlasten und personelle Erleichterung erreichen. Ich würde Drittens versuchen, den Zugang zum Medizinstudium zu verändern. Ich halte es nicht für gut und richtig, dass ausschließlich Leute mit einem Numerus Clausus von 1,2 diesen Beruf ergreifen. Das ist eine völlig einseitige Sozialauswahl für den Arztberuf. Und ich würde auf jeden Fall auch etwas dafür tun, dass die Möglichkeiten für die klinische Forschung in Deutschland verbessert werden.

VUDialoge: Wie sind Ihre persönlichen Erfahrungen mit der Hochschulmedizin?

Oppermann: Hochschulmedizin wird ja oft als anonyme Großeinrichtung dargestellt. Natürlich sind das immer riesige Einrichtungen. Aber wenn diese Einrichtung runtergebrochen werden auf die einzelnen Kliniken – und wenn man dann im direkten Kontakt mit den Ärzten und Pflegerinnen und Pflegern ist, dann erlebt man eben auch immer wieder selbst oder bei Familienangehörigen oder Freunden, wie unschätzbar wertvoll doch eine so exzellente medizinische Versorgung ist - und ich glaube, dass uns viele in der ganzen Welt um unser Gesundheitssystem im Allgemeinen und um unserer Hochschulkliniken im Besonderen sehr beneiden.

15. Oktober 2014 Neue Interviewreihe VUDialoge

Ministerin Bauer fordert mehr Investitionen für Uniklinika

VUDialoge: Welche Bedeutung hat die Hochschulmedizin für den Wissenschaftsstandort Deutschland?

Theresia Bauer: Die Hochschulmedizin ist von zentraler Bedeutung, sowohl für unser Gesundheitssystem, als auch für unser Wissenschaftssystem. Die Hochschulmedizin ist außerordentlich leistungsstark und erfolgreich aufgestellt. Das sieht man zum Beispiel an wachsenden Drittmitteleinnahmen. Das sieht man auch in internationalen Rankings, aber sie ist eben auch von elementarer Bedeutung zur Bewältigung unserer großen gesellschaftlichen Herausforderungen. Um nur eins zu nennen: Unsere Gesellschaft wird älter – das ist auch gut – aber mit der alternden Gesellschaft und dem demographischen Wandel sind auch neue gesundheitliche Probleme zu bearbeiten, insbesondere die Zunahme der Zivilisationskrankheiten.

VUDialoge: Was halten Sie von einer Grundgesetzänderung zur besseren Förderung von Forschung, Wissenschaft und Lehre?

Theresia Bauer: Ich begrüße es, dass es jetzt zu einer neuen Formulierung kommt, um die Verfassung zu ändern und langfristige dauerhafte Kooperationen im Wissenschaftsbereich zwischen Bund und Ländern zu erleichtern. Es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Die neue Formulierung hat auch frühere Vorlagen noch einmal verbessert, weil sie breiter aufgestellt ist, aber dennoch klarlegt: Es geht um Kooperationen in Bereichen von überregionaler Bedeutung. Es geht um so etwas wie dauerhafte Spitzenförderung. Das ist eine Bereicherung für unsere Wissenschaftslandschaft, deswegen sehe ich dem mit Freude entgegen und unterstütze das.

VUDialoge: Befürchten Sie, dass die klinische und translationale Forschung an deutschen Uniklinika zurückgedrängt werden könnte?

Theresia Bauer: Ich würde das nicht so dramatisch sehen. Ich glaube, dass unsere Hochschulmedizin gut aufgestellt ist und die Forschung eine hervorragende Voraussetzung in Deutschland hat. Das soll auch so bleiben. Deswegen müssen wir mehr tun. Es sind enorme Investitionen nötig. Es ist auch eine Verbesserung in der Grundfinanzierung nötig, damit mit Perspektive und Planungssicherheit agiert werden kann. Zwei Beispiele: Wir brauchen große Schritte im Bereich der Digitalisierung - der E-Science - weil auch im Medizinbereich viel mehr Daten zum Einsatz kommen und verarbeitet werden, auf die immer wieder zugegriffen werden muss. Im Zusammenhang mit der personalisierten Medizin brauchen wir da sehr viel mehr Kapazitäten und Strukturen, die wir vorhalten müssen, damit Forschung erfolgreich agieren kann.

VUDialoge: Wie kann dem Ärztemangel in Deutschland begegnet werden?

Theresia Bauer: Ich würde mich freuen, wenn man weiter daran arbeitet, dass wir die richtigen Persönlichkeiten gewinnen, die ein Medizinstudium aufnehmen und dann auch später als Arzt tätig werden. Ich glaube, dass entscheidend ist, dass wir diejenigen, die ein Studium absolvieren, danach nicht verlieren – ins Ausland beispielsweise oder in andere Tätigkeitsbereiche, sondern sie wirklich gewinnen, dass sie auch als Ärzte tätig sind - auch im ländlichen Bereich. Wir haben ja im Bereich Medizin kein Problem mit großen Abbrecherquoten. Fast alle, die studieren, studieren zu Ende. Aber nicht alle, die zu Ende studieren, werden als Ärzte tätig. Da müssen wir nachsteuern und ich glaube, wir müssen auch daran arbeiten, die richtigen Persönlichkeiten dafür auszuwählen.

VUDialoge: Welche Erfahrungen als Patient oder Angehöriger verbinden Sie mit der Hochschulmedizin?

Theresia Bauer: Ich habe das Glück, dass ich selbst und mein näheres familiäres Umfeld Universitätsmedizin noch nicht oft in Anspruch nehmen musste.  Die Fälle, in denen ich selber Erfahrungen machen konnte, waren absolut einwandfrei. Ich hatte den Eindruck, es ist hochprofessionell vorgegangen worden und auch der Umgang mit den Patienten war freundlich und zuverlässig. Von daher habe ich keine Klage zu führen.

7. August 2014 Neue Interviewreihe VUDialoge

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe kündigt schnelle und spürbare Verbesserungen für Uniklinika an.

Frage: Wie sehen Sie die Rolle der Hochschulmedizin in Deutschland?

Gröhe: Die deutschen Universitätskliniken sind ohne Zweifel ein wesentlicher Motor innovativer Spitzenmedizin und damit ein ganz wichtiger Partner im Gesundheitswesen. Bei ihnen werden fast 10% aller stationären Fälle in Deutschland behandelt – viele davon im Bereich der Intensivmedizin. Neue Behandlungsmethoden, die von Universitätskliniken mit entwickelt wurden, wie etwa computerunterstützte Operationsverfahren, insbesondere in der Neurochirurgie, gehören dazu. Und die Intensivmedizin ist heute in der Lage, den Ausfall notwendiger Organe, zum Beispiel von Herz, Kreislauf, Leber, Niere oder Lungen, zu überbrücken. Auch die Transplantationsmedizin hat vielen Menschen ein neues Leben ermöglicht. Die erfolgreiche Arbeit an den Universitätskliniken trägt also maßgeblich mit dazu bei, dass die Lebensqualität insbesondere vieler schwer erkrankter Menschen verbessert oder ihr Leben verlängert wird. Auch in Lehre und die Forschung wurde in den letzten Jahren viel vorangebracht und weiterentwickelt. Die Universitätskliniken werden auch weiterhin eine tragende Säule in unserem Gesundheitswesen sein.

Frage: Welches sind für Sie die Hauptaktionsfelder, wenn es um das Thema Zukunftssicherung der deutschen Hochschulmedizin geht?

Gröhe: Mir werden immer wieder Zweifel an einer sachgerechten Abbildung der Leistungen von Universitätskliniken im DRG-System vorgetragen. Hier wollen wir möglichst schnell zu spürbaren Verbesserungen kommen. Bereits in den vergangenen Jahren hat es zahlreiche Ausdifferenzierungen von Fallpauschalen gegeben, um die besondere Schwere der Erkrankungen von Patientinnen und Patienten, die in unseren Universitätskliniken behandelt werden, besser abzubilden. Soweit Krankenhäuser neue Untersuchungs- und Behandlungsmethoden erbringen, die noch nicht sachgerecht mit dem DRG-System vergütet werden, können zudem krankenhausindividuelle Entgelte vereinbart werden.

Ein Bereich, der überdurchschnittliche Behandlungskosten verursachen kann, die über das pauschalierende Entgeltsystem nicht immer gedeckt werden, ist auch der Bereich hochspezialisierter Behandlungen von Patienten mit seltenen Erkrankungen. Mit dem "NAMSE-Prozess" verfolgen wir daher das Ziel, über Zentrenbildungen ein verbessertes Wissens- und Leistungsangebot sicherzustellen. Bei der Evaluation des Prozesses im nächsten Jahr ist zu prüfen, ob die in den vorhandenen Regelvergütungen enthaltenen Finanzierungselemente ausreichend greifen oder ob Handlungsbedarf besteht.

Ergänzend zu dieser kontinuierlichen Weiterentwicklung des Fallpauschalensystems wurde bereits im letzten Jahr ein Gutachten in Auftrag gegeben, das prüfen soll, ob die besonders komplexen Leistungen der Uniklinika durch die Fallpauschalen sachgerecht abgebildet werden. Das Gutachten wird zum Jahresende vorliegen und kann dann als Basis für weitere zeitnahe Verbesserungen genutzt werden.

Um es noch einmal deutlicher zu formulieren: Wir setzen an einzelnen, klar identifizierbaren Problemen an und suchen nach Lösungen. Abstrakten Systemzuschlägen ohne Leistungsbezug stehe ich daher kritisch gegenüber.

Frage: Wie lautet das Rezept der Bundesregierung, um der Unterfinanzierung der Hochschulmedizin nachhaltig entgegenzuwirken?

Gröhe: Der Bund verstärkt auch weiterhin seine Anstrengungen im Bereich der Bildung, Wissenschaft und Forschung und entlastet zudem die Länder sehr spürbar, etwa durch die vollständige Übernahme des BAföG. Davon sollte auch die Universitätsmedizin profitieren. Außerdem haben wir in der Koalition eine Änderung des Grundgesetzes beschlossen, damit Bund und Länder künftig gemeinsam Hochschulen direkt fördern können. Damit wird eine langfristige Förderung von Hochschulen, einzelnen Instituten oder Institutsverbünden ermöglicht. In der Bund-Länder-Arbeitsgruppe zur Reform der Krankenhausversorgung diskutieren wir aktuell auch über Möglichkeiten für eine bessere Finanzierung der Notfallversorgung für alle Kliniken und der besonderen Leistungen der Hochschulambulanzen. Die Universitätsklinika dürften zudem von weiteren geplanten Maßnahmen wie etwa den Qualitätszuschlägen profitieren. Aber ich sage auch ganz deutlich: Nicht der Ort, sondern die Art der Leistung, wird auch künftig bei der Vergütung stationärer Leistungen die entscheidende Rolle spielen. Und natürlich sind die Länder in der Pflicht, auch im Bereich der Universitätsklinika für eine ausreichende Finanzierung der Grundmittel zu sorgen.

Frage: Welche Bedeutung haben für Sie die 33 deutschen Uniklinika und ihre 180.000 Mitarbeiter, wenn es um den Wirtschaftsstandort Deutschland geht?

Gröhe: Universitätsklinika sind ein ganz wichtiger Arbeitgeber im Gesundheitswesen. Fast ein Fünftel aller Krankenhausärzte in Deutschland arbeitet an einer Universitätsklinik und den dazugehörigen Spezialambulanzen, Zentren oder in den Hochschulambulanzen – ganz zu schweigen von den vielen Pflegerinnen und Pfleger sowie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Verwaltung. Sie sind damit ein unverzichtbarer Pfeiler des Wirtschafts- und Innovationsstandorts Deutschland im Zukunftsfeld "Gesundheit". Durch ihre Forschungstätigkeit und die Kooperation mit Unternehmen bei der Entwicklung neuer Produkte, Untersuchungs- und Behandlungsmethoden leisten die Universitätsklinika zudem einen ganz wichtigen Beitrag zum medizinischen Fortschritt.

Frage: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft warnt davor, dass die klinische und translationale Forschung an deutschen Uniklinika zurückgedrängt wird. Wie kann dieser Entwicklung entgegengewirkt werden?

Gröhe: Deutschland gehört international zu den führenden Standorten für klinische Forschung. Wir sollten unser Licht also nicht unter den Scheffel stellen. Damit das so bleibt, ist es auch wichtig, dass die neue EU-Verordnung über klinische Prüfungen jetzt schnell umgesetzt wird. Damit können unnötige Erschwernisse abgebaut werden, z.B. die oftmals langwierigen Genehmigungsverfahren für klinische Studien. Aber auch die Änderung des nationalen Rechtsrahmens, die zur Anpassung an die EU-Verordnung erforderlich ist, wird Gelegenheit bieten, bestehende Verfahren zu überprüfen mit dem Ziel die Forschung an den deutschen Universitätskliniken insgesamt zu stärken.

Frage: Welche Hausaufgaben muss die deutsche Hochschulmedizin aus Ihrer Sicht am dringendsten erledigen?

Gröhe: An erster Stelle muss immer stehen, die hohe Qualität der Versorgung weiterhin aufrechtzuerhalten. Damit dafür eine sachgerechte Vergütung sichergestellt werden kann, ist erforderlich, dass die Universitätsklinika ihre Aufgaben und Belastungen differenziert darlegen. Sowohl der Finanzbedarf als auf die Finanzströme müssen nachvollziehbar sein. "Verschiebebahnhöfe" darf es nicht geben. Auch diese Aspekte werden Thema in der Bund-Länder-Arbeitsgruppe zur Reform der Krankenhausversorgung sein.

Frage: Neben Ihrer politischen Perspektive – wie sind Ihre persönlichen Erfahrungen mit der Hochschulmedizin zum Beispiel als Patient oder Angehöriger von Patienten?

Gröhe: Meine Heimatstadt Neuss ist umgeben von starken Universitätskliniken. Bei Besuchen von Angehörigen und Freunden habe ich immer wieder dankbar feststellen können, dass medizinische Hochleistungen und menschliche Zuwendung oftmals eine gute Einheit bilden. 

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